Fluchtursachen kompakt

Somalia - Ein nachempfundener „Reisebericht"

Manche Odyssee scheint kein Ende zu nehmen. Da flieht die somalische Frau mit den Kindern über das Rote Meer nach Jemen. Noch bevor sie Abstand gewinnen kann von der täglichen Todesangst in der Heimat, entflammt auch an ihrem Zu-fluchtsland der Krieg. Wieder geht es über das Rote Meer zurück nach Somalia. Aber hier kann jeder den man trifft Feind sein. Vergewaltigungen und wahlloses töten auch von Kindern, oder Zwangsrekrutierung von Kindern. Da kämpfen Regierungstruppen, Rebellen, kenianische und äthiopische Armee, allgegenwärtig Al-Shabaab und über allen Köpfen amerikanische Drohnen die auch nicht unterscheiden können zwischen Freund und Feind. Keine der Parteien hält sich an die Genfer Konvention. Was bleibt, ist die Weiterflucht. Kenia oder Äthiopien. Dort ist man auch nicht freundlich gesinnt, aber dort gibt es die beiden größten Flüchtlingslager der Welt. Da kann man leben. Könnte man. Aber die internationale Staatengemeinschaft hält sich nicht an ihre zugesagten Zahlungen an die UNHCR, und so können die Lager nicht in der Form weitergeführt werden. Das Zeichen zum erneuten Aufbruch. Viele schaffen den Weg zum Mittelmeer nicht durch Wüste und feindliches Land. Noch mehr Menschen verlieren ihr Leben im Meer. Niemals hätte diese somalische Frau sich mit ihren Kindern auf eine so lange Reise mit so vielen tödlichen Gefahren begeben, wenn ihre Heimat nicht eine noch tödlichere Gefahr darstellen würde. Viel lieber hätte sie in einem der Flüchtlingslager im Nachbarland ausgeharrt, bis ein bißchen Frieden zu Hause eingekehrt wäre. Aber da hat die Staatengemeinschaft ja geknausert. Dabei gibt es für dieses Land einen bescheidenen Hoffnungsschimmer am Horizont. Auch wenn Al-Shabaab weiterhin Terror verbreiten wird. Seit der Absetzung von Siad Barre 1991 gibt es wieder so etwas wie eine Regierung und mit Hassan Sheikh Mohamud einen Präsidenten, der ernsthaft beabsichtigt, sich zur Wahl zu stellen. Und die Clans reden miteinander, versuchen ihre Differenzen beizulegen.

(Die verworrene Lage im Land ist der Übersicht halber vereinfacht wiedergegeben.) (RW)


Fluchtursachen kompakt



Dr. Florian Pfeil

Erfolgreicher Start der Vortragsreihe

Am 14.4. fand die erste Veranstaltung der Reihe „Fluchtursachen kompakt" in der Mensa des Otto-Schott-Gymnasiums statt. Die Veranstaltungsreihe wird vom Flüchtlingsnetzwerk „Miteinander Gonsenheim" organisiert. Sie möchte einen vertieften Einblick über die Gründe der Flucht aus fünf verschiedenen Ländern geben, aus denen in den letzten 20 Monaten die meisten Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Das Verständnis über die Situation und die Traumata der Geflüchteten soll die Bemühungen einer guten Integration und Unterstützung durch die Mainzer, speziell die Gonsenheimer, Bürger verstärken helfen und zu einem guten Miteinander vor allem mit den Bewohnern der Housing Area führen.

In der Auftaktveranstaltung stellte Dr. Florian Pfeil von der Fridtjof-Nansen-Akademie Ingelheim mit profundem Sachverstand die Situation in Somalia vor - einem Land, in dem seit 25 Jahren Bürgerkrieg herrscht. Von einem Ausflug in die Geschichte des Landes vor 1991, über die Darstellung der verschiedenen Konfliktparteien und Konfliktlinien seit der Absetzung des Diktators Siad Barre wurden bis hin zur Beschreibung der wirtschaftlichen Situation viele interessante Fakten für die Besucher aufbereitet und in einer luftigen und frischen Präsentation transportiert. Auch die Tätigkeit der Truppen der Afrikanischen Union, die als „Friedenstruppen" im Land stehen, die gescheiterte UNO-Mission aus den 90er Jahren und die Rolle der europäischen Staaten an der Entstehung des Piratenproblems vor der somalischen Küste wurden nicht ausgespart und kritisch beleuchtet.

Wichtiger Bestandteil der Veranstaltungsreihe ist neben der Gesamtsicht auf das Land auch die Darstellung individueller Schicksale. Drei junge somalische Männer und zwei Frauen berichteten im Anschluss an den Vortrag von ihrer Situation und waren für Fragen des Publikums offen. Eine besondere Rolle spielte dabei neben der Verzweiflung über die Situation im eigenen Heimatland auch ihre aktuelle Einstufung als Flüchtling in Deutschland: die Asylverfahren laufen z.T. bereits seit drei Jahren ohne Aussicht auf Abschluss, eine Arbeitserlaubnis besteht nicht und auch der Deutschunterricht, der syrischen oder afghanischen Flüchtlingen angeboten wird, steht den Somaliern nicht offen. Die Möglichkeiten, etwas Produktives zu tun, sind genauso verwehrt, wie die Rückkehr in ihre Heimat. Der Wunsch nach Deutschunterricht ist derzeit einer ihrer wichtigsten Anliegen. Elf andere Somalier und Somalierinnen, die in der Zwerchallee untergebracht sind, waren extra zu dieser Veranstaltung erschienen, um von ihrem Land zu berichten. Erfreulich war darüber hinaus die trotz des sehr sonnigen Wetters zahlreiche und aktive Teilnahme des Publikums. Insgesamt 65 Teilnehmer waren vor Ort. Dabei hat die Mensa für die kommenden Veranstaltungen durchaus noch weitere freie Plätze.

Am 21.4. wird Dr. Oliver Piecha über Syrien berichten und am 28.4. über den Irak. Nach einer Pause auf Grund der donnerstäglichen Mai-Feiertage wird die Reihe am 12. Mai mit Eritrea von Dr. Florian Pfeil, Fridtjof-Nansen-Akademie Ingelheim, fortgesetzt bevor am Mittwoch, 18.5., Dr. Andreas Wilde von der Universität Bamberg mit Afghanistan den Abschluss gibt.

Herzlicher Dank gebührt dem Gastgeber - Otto-Schott-Gymnasium - das für den Abend sogar Getränke stellte. Das Otto-Schott-Gymnasium liegt im Gonsbachtal in der Nähe der Straßenbahn-Haltestelle „An der Bruchspitze“ in der Nähe der Gonsbachterrassen. Die Mensa des Gymnasiums liegt von dort aus gesehen hinter dem Schulgebäude neben dem Sportplatz. Sie kann sowohl durch das Schulgebäude erreicht werden, soweit dieses noch geöffnet ist, wie auch über die kleine Straße „An Schneiders Mühle“, die zum Gonsbachtal führt. Dort muss man am Sportplatz einfach links in einen kleinen Fahrweg mit Tor einbiegen. Die Mensa hat ein rotes Eingangsportal. Der Weg dorthin ist bei jeder Veranstaltung ausgeschildert.

(André Berthold)