Manifest

Violetta Vollrath

Warum können wir eine Ausstellung wie heute machen und anschauen?

Weil wir (seit langem) in tiefstem Frieden leben. Nicht in allen Ländern ist das so. Sie sehen hier Landschaften, manchmal ruhiger, oft auch etwas chaotisch, vielleicht etwas wild, mit fremden Elementen, eben auch Gegenden, die wir noch nicht kennen. Aber wenn man genau hinsieht, kann man manchmal Tiere finden oder Gartenstühle und Tische, an denen man friedlich sitzen kann. Ein Garten mit einladend offenem Tor. Friedanien ist ein Land, in dem alle leben können, die zu Hause nicht mehr leben wollen oder können, weil dort Krieg oder auch Hunger herrschen. Es ist also nicht Deutschland, denn – wie wir wissen – es gibt keinen legalen Weg aus diesen Gründen nach Deutschland zu gelangen, außer man fände eine gemeinsame Grenze zu Somalia, Syrien und den anderen geschundenen Ländern, oder man bekäme ein Visum, oder man würde aus einem Deutschland überfliegenden Flugzeug abspringen.

Wir leben hier in Frieden, manchmal ist es uns ein wenig zu eintönig, zu unaufregend, was hier geschieht. Wir haben aber viele einengende strenge Städte, oft zu wenig Natur, deshalb lieben viele von uns das Wilde, das Wuchernde. Ich habe aber gestern beim Aufbau der Ausstellung gelernt, dass diese Vorlieben nicht für alle Menschen gelten: Ein Herr aus einem anderen Land empfand die rote Farbe in den Bildern als bedrohlich, die für uns Kinder des Wohlstands eher mit Sonnenuntergang und roten Herbstblättern oder roten Blumen verknüpft ist als mit Blut.

Wie kommt es, dass wir diesen Abend und diese Ausstellung friedlich und ohne Hunger und Durst genießen können? Wir sind reich und mächtig. Wir und unsere Wirtschaftsfreunde leben in einem Landstrich, der bisher von wirklich großen Naturkatastrophen verschont worden ist, so etwas wie ein Ernteausfall, weil 80 % des Staatsgebiets unter Wasser stehen wie vor Jahren in Mosambik, oder dass es plötzlich drei Jahre hintereinander nicht regnet, ist bisher nicht vorgekommen.

Ist es aber nicht unserem Fleiß und unserer Geschicklichkeit zu verdanken, dass es bei uns erst gar nicht so weit kommen kann? Dämme, Sicherungssysteme, feste Häuser und Kontrolle über Schädlinge sichern unsere Umgebung. Das könnte man ja von anderen Ländern auch verlangen.

Aber wie ist das, wenn Sie einen miesen Job haben, abends todmüde ins Bett fallen, es gerade nicht reicht um die Schulden zu bezahlen: Schaffen Sie es wirklich sofort den tropfenden Wasserhahn zu reparieren, bevor er durchrostet, oder reicht das Geld um einen Handwerker für die tropfende Heizung zu bestellen? Die Schuhe zum Schuhmacher zu bringen, bevor sie irreparabel kaputt sind?

Vergessen wir nicht, dass unser begünstigter Landstrich nicht regelmäßig Werte vernichtet hat, dass wir ein Volk von Erben sind (jedenfalls die, die nicht zum abgehängten Fünftel gehören). Dieses Kapital, das nicht selbst erarbeitet werden musste, hilft enorm. Und aufholen durch Fleiß und Anstrengung ist sehr mühsam. Nicht nur für die sogenannte Dritte Welt. Denken Sie daran: Immer wieder stellen Wirtschaftsexperten fest, dass der wirtschaftliche Anschluss der neuen Bundesländer an die alten noch Jahrzehnte dauern wird. Ein Zwangssystem wie der Sozialismus von nur 45 Jahren Dauer in einem Teil Deutschlands benötigt 30 – 40 Jahre, um, mit Finanzhilfe aber auch Abzocke aus Westdeutschland, aufzuholen.

Was sollen denn die Problemländer der Welt sagen, die fast alle viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte unter Besatzung und Kolonialismus litten? Wir Industrienationen haben Jahrhunderte lang alles, was gut und teuer war, einfach gestohlen (so muss man das nennen), und jetzt noch leben wir hier so gut und friedlich, ohne Bürgerkrieg und Verteilungskämpfe, weil wir den Wohlstand zum Großteil den völlig unterbezahlten Leistungen in diesen Ländern verdanken. Wo kommen unsere Kleider, der Kaffee, Kakao, Uran, seltene Metalle, Baumwolle, Gold und viele Nahrungsmittel her? Aus Ländern, die unter den Bedingungen, die die reichen Industrienationen diktieren, niemals auf die Beine kommen, die niemals genug Reserve an ihre eigene Jugend vererben können, um sich gegen die Marktmacht unserer Länder wehren zu können. In diesen Ländern führen die „Montagsdemonstrationen“ nicht zu Wiedervereinigung und Aufbruch, sondern zu Bürgerkrieg und Fundamentalismus, weil die vermeintlich sicheren Systeme vom Westen gestützt werden, unliebsame Systeme durch Unterstützung von Rebellen wie die Taliban oder dem IS destabilisiert werden, bis diese vermeintlichen Verbündeten außer Kontrolle geraten.

Ich bin überzeugt: Würden wir hier in Deutschland, Europa, Nordamerika, den schwachen Staaten für ihre Erzeugnisse und Leistungen das gleiche bezahlen, was wir hier zahlen müssten, wäre allen Bürgerkriegen sofort jeder Nährboden entzogen, weil alle Bewohner plötzlich etwas zu verlieren hätten. Aber unser materieller Wohlstand müsste sinken.

Erinnern Sie alle Leute, die behaupten, wir könnten uns nicht mehr Flüchtlinge leisten, dass unser Wohlstand das Erbe jahrzehntelanger Ausbeutung auch eben jener Länder ist, und dass wir diesen unrechtmäßigen Gewinn z. Z. noch nicht ansatzweise an die Flüchtlinge zurückgezahlt haben. Der Libanon, der selbst jahrelang durch Bürgerkrieg zerrüttet wurde, beherbergte zeitweise 30% seiner Einwohner an Flüchtlingen, wenn auch unter zunehmend schlechten Bedingungen.

Unseren Frieden und unseren Wohlstand haben andere Leute erarbeitet. Ich bin froh um diesen Frieden, aber wir sollten uns bewusst sein, dass der Anstand gebietet, diesen Frieden auch anderen Menschen zu ermöglichen. (Violetta Vollrath)