Es geht auch anders

Es geht auch anders!

Auszüge aus der Predigt zum 5. Fastensonntag (20./21.3.3021)

zur Erklärung der römischen Glaubenskongregation über die Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften (vom 15.3.2021)

Evangelium: Joh 12,24.26.32.33

Als wir in dieser Woche (am 15. März 2021) mit einer neuen Erklärung aus dem Vatikan konfrontiert wurden, musste ich genau an dieses Bild denken:

An das Weizenkorn, das zuerst sterben muss, damit neues Leben entstehen kann.

Zuerst muss etwas kaputtgehen!

Ja, diese römische Kirche muss kaputtgehen, damit eine neue Kirche werden kann, die dem Willen unseres Herrn mehr und besser entspricht als den Vorstellungen bestimmter Herren in Rom.

Ich bin seit mehr als 40 Jahren Priester, aber ich habe noch nie eine so große Krise in unserer Kirche erlebt wie in den vergangenen Monaten.

Dass die Veröffentlichung des Missbrauch-Gutachtens für das Erzbistum Köln am vergangenen Donnerstag erste Rück-tritte - sogar von Bischöfen! - mit sich bringt, ist eine erste - vielleicht heilsame - Konsequenz, dass man für bestimmte Angelegenheiten Verantwortung übernehmen muss.

Ich befürchte, dass dieses Kapitel noch längst nicht abgeschlossen ist.

Was aber am Montag, 15. März, von der römischen Glaubenskongregation in einer Erklärung klargestellt wurde, ist ein Schlag ins Gesicht für alle Menschen, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, die immer noch Mitglieder in unserer Kirche sind und sich den Segen Gottes für ihre Partnerschaft wünschen.

Wörtlich heißt es in der römischen Verlautbarung:

Es sei nicht erlaubt, „Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (…) einschließen, wie dies bei Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts der Fall ist.“

Weiter heißt es (und da muss man schon fest im Sattel sitzen, dass es einen nicht umhaut):

Einzelnen Menschen mit homosexuellen Neigungen könne durchaus der Segen gespendet werden.

Unzulässig sei aber jede Segnungsform, die eine homosexuelle Partnerschaft anerkennt.

Es macht mich betroffen und traurig, wie meine/unsere Kirche auch hier wieder einmal über Menschen urteilt - allen Erkenntnissen der Wissenschaften zum Trotz - als würden sich Menschen ihre sexuelle Orientierung selber aussuchen.

Dieses Schreiben gibt die augenblickliche katholische Lehre wieder und zeigt keine Weiterentwicklung aufgrund heutiger humanwissenschaftlicher Erkenntnisse und gegenwärtiger pastoraler Notwendigkeiten.

Und das ist das Schlimme!

Es werden alte, uralte Katechismus-Lehren wiederholt, die längst überholt sind.

Und man fragt sich:

„Sind diese Männer, die eine solche Erklärung formulieren so naiv und engstirnig, dass sie medizinische und biologische Einsichten einfach nicht wahrnehmen und ignorieren?“

Die Reaktionen - vor allem aus kirchlichen Gruppen und Kreisen - ließen nicht lange auf sich warten!

Mit ungewöhnlich scharfen Worten hat der Bischof von Antwerpen in Belgien (Johann Bonny) z.B. das vatikanische Verbot zur Segnung homosexueller Partnerschaften kritisiert.

Nach den Skandalen der vergangenen Jahre sei „entscheidend, das Vertrauen der Gläubigen wiederzugewinnen und deshalb sagen wir belgischen Bischöfe ‚genug ist genug’!“

 

Kritik und Unverständnis gab es in den vergangenen Tagen auch vonseiten deutscher Bischöfe - so von Bischof Heinrich Timmerevers (Dresden), Bischof Franz-Josef Bode (Osnabrück) und Bischof Franz-Josef Overbeck (Essen).

Und auch unser Mainzer Bischof Peter Kohlgraf fordert einen anderen Umgang mit homosexuellen Menschen und Paaren wie sie das Papier der Glaubenskongregation fordert.

Sehr deutlich haben sich auch die Generalvikare Andreas Sturm (Speyer) und Klaus Pfeffer (Essen) geäußert:

Sie seien schockiert, sprachlos und fassungslos über die neueste Verordnung aus Rom.

Sie und viele, viele andere wollen an der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare festhalten.

Um es noch einmal deutlich zu sagen:

Es geht bei diesem Thema nicht um eine kirchliche Eheschließung - die bleibt nach wie vor einer Ehe zwischen Mann und Frau vorbehalten.

Es geht um die Segnung zweier Menschen, die in Liebe zusammenleben wollen und um Gottes Beistand und Kraft bitten.

Es gibt ein kirchliches Segensbuch - das so genannte „Benediktionale“ -, in dem 99 verschiedene Segnungen enthalten sind: von der Segnung religiöser Gegenstände über eine Haus- und Wohnungssegnung, die Segnung von Tieren bis hin zur Segnung einer Wasserreinigungsanlage.

Wenn ich eine Kläranlage segnen kann, dann kann ich auch zwei Menschen den Segen Gottes zusprechen, der die Liebe ist und der überall dort zu finden ist, wo sich Menschen in Liebe begegnen.

Sagt nicht Gott bei der Berufung Abrahams (Gen 12,2):

„Ich werde Dich segnen … Und Du selbst sollst ein Segen sein!“?

Wie viel mehr hat unsere Kirche den Auftrag, diesen Segen Gottes weiterzugeben und selbst für die Menschen in dieser Zeit ein Segen zu sein!

Und deshalb sage ich - ich wiederhole mich:

„Vieles in unserer gegenwärtigen Kirche muss sterben!

Wir müssen uns davon verabschieden, auch wenn es schmerzt und traurig macht, damit Neues - vor allem Neues im Sinne Jesu Christi - wachsen und gedeihen kann.“

„Es geht auch anders!“ - um es mit dem Leitwort der diesjährigen Misereor-Fastenaktion zu sagen!

Und deshalb habe ich mir geschworen:

Ich werde Verlautbarungen dieser Art aus Rom in Zukunft nicht mehr zur Kenntnis nehmen.

„Ich kann das nicht mehr ernst nehmen“, schrieb mir ein priesterlicher Mitbruder.

„Was mich tröstet: Solche ideologischen Systeme brechen

irgendwann in sich zusammen; auch die Berliner Mauer ist

ja schneller gefallen, als manch einer ahnte.“ (Generalvikar Klaus Pfeffer, Essen)

 

Quellen: katholisch.de

„Christ in der Gegenwart“,

Nr. 12 vom 21.3.2021, S. 1: „Wir sind Kirche“

 

Hans-Peter Weindorf, Pfarrer in St. Stephan, Mainz-Gonsenheim