Szenische Lesung und Zeitzeugengespräch

szenische Lesung (Foto von Elke Fauck)
Zeitzeugengespräch

Bewegendes Erlebnis im Stadtteiltreff

Nachdem am 13. September bei uns im Stadtteiltreff die Ausstellung über jüdische Nachbarinnen und Nachbarn eröffnet worden war, fanden am Sonntag, 17. September, dazu eine szenische Lesung und ein anschließendes Zeitzeugengespräch statt.

Wir freuen uns sehr, dass so viele Leute zu dieser Veranstaltung kamen und somit ja auch ein Interesse an der Aufarbeitung des Themas „Juden in Gonsenheim“ bekunden.

Auch als Mitwirkende in der szenischen Lesung haben wir gespürt, wie das Publikum von den Aussagen der vorgestellten Personen ergriffen waren.

Ebenfalls sehr eindrucksvoll war dann das Zeitzeugengespräch.

Von dieser Veranstaltung gibt es einen schönen Artikel von Elke Fauck in der Lokalen Zeitung.

http://www.lokalezeitung.de/2017/09/18/eine-ueberlebende-von-23-gonsenheimer-juden/


Szenische Lesung und Zeitzeugengespräch - ausführlicher Bericht


CM als Henriette Sichel
(v.li.) Franz Becker, J. Schüler
Joe Ludwig

Selten ist das Café des Stadtteiltreffs so voll, dass man keinen Platz mehr bekommt. Am 17. September war es so, einige Gäste standen tatsächlich draußen. Anlässlich der Ausstellung „Gonsenheimer Erinnerungen. Jüdische Nabarinnen und Nachbarn zwischen Integration und Ausgrenzung“ hatte der Stadtteiltreff zur szenischen Lesung und zum Zeitzeugengespräch eingeladen. Stephan Hesping begrüßte die zahlreichen Gäste und war sehr erfreut, dass man mit dem Thema so viel Interesse weckte.

Eine szenische Lesung ist eine Darstellungsform irgendwo zwischen Lesung und Theater. Die Akteure saßen zunächst verteilt im Publikum und traten auf als jüdische Nachbarn, die früher in Gonsenheim gewohnt haben, aber bis auf eine durch das Nazi-Regime ums Leben kamen. So ging es um das Ehepaar Alfred und Sofie May (dargestellt von Rüdiger und Isolde Wrobbel), um das Schicksal von Albert Straß (Reinhard Hammann), von Henriette Sichel (Christiane Mertins) und von Sofie Weiler (Carolin Schäfer vom Institut für geschichtliche Landeskunde, das auch die Ausstellung erstellt hat). Sprecher und Drehbuchautor Helmut Hochgesand wurde von Stephan Hesping besonders gewürdigt, er ist auch Initiator der Ausstellung.

In einer Power-Point-Präsentation konnte man sehen, wo die früheren Bewohner der Jahnstraße wohnten und zur Arbeit gingen. Das Finale des Stückes war dramaturgisch besonders beeindruckend ausgearbeitet und ging unter die Haut. Ein großes Dankeschön ging dann auch an Jule Winkler und Alexander Schweiß, Studierende der Theaterwissenschaft an der Universität Mainz.

Nach einer Umbaupause begrüßte Stephan Hesping die Zeitzeugen Franz Becker, Joe Ludwig und Johannes Schüler, die von Helmut Hochgesand interviewt wurden. Sie erzählten z.B. von der Zeit, als sie zur Hitlerjugend mussten, um eine weiterführende Schule besuchen zu können. Herr Schüler beschrieb das komische Gefühl, als „Vierteljude“ definiert gewesen zu sein: „Was an mir ist jetzt jüdisch, der Körper, der Verstand, ich verstand es nicht“, berichtete er den interessierten Zuhörern. Und die kamen schließlich auch zu Wort, konnten Fragen stellen oder Statements abgeben. Im Fokus stand dabei die Frage, warum eine Aufarbeitung des Themas in Gonsenheim so lange gedauert hat. So richtig konnte sie niemand beantworten. Die Leute wollten wohl von der schlimmen Zeit nichts mehr wissen. Sicher ist es auch unangenehm, sich dieser Zeit zu stellen.

Großes Lob und Dank gab es dann am Ende für die Veranstalter und Initiatoren der Wanderausstellung und der Veranstaltung, die wohl nochmal wiederholt wird. Die Idee, in Gonsenheim Stolpersteine zu verlegen, wurde vom Verein GonsKultur aufgegriffen und wird von der Ortsvorsteherin Sabine Flegel unterstützt. Jetzt heißt es, weiter an dem Thema dran zu bleiben, solange es noch Menschen gibt, die uns von der Zeit erzählen können. (Hes)

Stephan Hesping
(v.li.) Helmut Hochgesand, Franz Becker